Die Bedeutung von Padmasana, der Lotossitz

Der Lotossitz ist die Meditationshaltung schlechthin , die Yogis, deren Hüften noch nicht geschmeidigt genug sind, oft etwas schwerer fällt. Die gekreuzt auf den Schenkel ruhenden Füße drücken die Schenkelknochen gegen den Boden, was einen erdenden Sitz bewirkt. Die Wirbelsäule wird mühelos gerade gehalten. Der Lotos, oft mit den schöpferischen Kräften in uns assoziiert, ist ein mächtiges Symbol für den Yogi, ebenso wie der Laut OM.

Das Symbol des Lotus

Überall in Indien wachsen Lotosblumen in Sümpfen und Kanälen,- selbst in solchen, die stark verschmutzt sind. So königlich die Blüte des Lotus, so bescheiden seine Anfänge. Der Samen sinkt in den Schlick am Boden eines Sees, wo er Wurzeln bildet und der Schössling sich auf die Suche nach dem Sonnenlicht an der Oberfläche macht. Die Sonne symbolisiert im Yoga des erhellende Wissen oder die absolute Wahrheit.

Lichtstrahlen werden gebrochen, wenn sie durch die Wasseroberfläche fallen, deshalb scheint ein Strohhalm einen Knick zu haben, wenn man ihn in ein Glas mit Wasser stellt. Ist man selbst unter der Wasseroberfläche, kann man die Sonne nicht klar sehen, dennoch weiß der Lotosstängel, dass er gerade nach oben wachsen muss, um zum Licht zu kommen. Hat er die Wasseroberfläche durchstoßen, achtet er darauf, dass keine Knospe das schmutzige Wasser berührt. Die rosa Blütenblätter öffnen sich, wenden sich in einer einfachen Geste der Sonne zu und freuen sich, zu ihr gefunden zu haben.

Die Reise der heiligen Blüte entspricht der Reise des Yogis. Wir sind in der Erde verwurzelt, gefangen im endlosen Zyklus von Geburt, Tod, Krankheit, Tragödien und Freudenfesten, Alltäglichkeiten und Familienbeziehungen. Diesen „Schlamm“ des Lebens nennt der Yogi Avidya und meint damit den Fehler, uns mit etwas anderem zu identifizieren als mit unserer göttlichen Natur. Pntanjalis Yoga Sutras zufolge ist Avidya das größte Hindernis auf dem Pfad zur Selbsterkenntnis. Wir definieren und durch unseren Namen, unseren Beruf, die Karriere, die Familie, durch Krankheiten, Alter, Rasse, Religion und andere Dinge, die uns voneinander trennen. Wir sagen: „Ich bin eine Frau, du bist ein Mann“. Oder: “ Ich bin ein Deutscher und du kommst wo anders her“. Wenn wir nicht aufpassen, fesseln uns diese Etiketten an den Schlamm der Dualität, sodass wir nicht mehr sehen und erkennen, dass alle Menschen ein Teil des Ganzen sind. Yoga aber sucht alle Wesen einzuschließen und zu verknüpfen, wie auch immer sie sich definieren mögen.

Wir können uns so fühlen wie der Lotossamen, der im Schlamm steckt; doch durch einen glücklichen Zufall erleben wir das Aufwirbeln des Sees, wie es Vishnu erfuhr. Wir hören eine schlichte Weisheit, die die Schale des Lotossamen aufbricht und unsere Reise beginnt. Wir wachsen durch das Wasser unseres begrenzten Wissen und recken uns zum Licht des Weisheit, das immer für uns leuchtet, wir müssen es nur wahrnehmen. Bringen wir die entsprechende Geduld und Entschlossenheit mit, so gelangen wir zur Oberfläche und erkennen unser Potenzial;- das ist das Versprechen des Yoga.

Grandios? sicher, aber der Lotos blüht immer und überall und macht kein Aufhebens darum. Er weiß, zu blühen ist sein absolutes Ziel, das die Mühe wert ist, jedem Hindernis zum Trotz zum Licht zu kommen. Das Ringen ist Teil des Prozesses und das Ergebnis ist pure Schönheit.

Padmasana bindet uns ein in die Praxis der Konzentration, der Meditation und der ultimativen Samadhi (Erleuchtung) des höheren Yoga. Indem wir diese Sitzhaltung einnehmen, sind wir fest mit der Erde und unseren eigenen Wurzeln verbunden. Während sich durch stetige Übung unser Bewusstseins erweitert, sitzen wir aufrecht, wieder Lotos, der nach oben zur Sonne wächst. Unsere Bescheidene Herkunft muss uns nicht hindern, in Reinheit zu erblühen.